Vita


Andreas Hamacher

Stahlskulpteur / Steelsculptor

 

1967 geb., lebt und arbeitet in Trier/D.

1994 bis 2013 Studium an der Europäischen Kunstakademie Trier, bei Jörg Oetgen, Christoph Lahl und Mathias Lanfer im Bereich 3-dimensionale Kunst mit dem Schwerpunkt „Metall-Skulptur“

Regelmäßige Ausstellungstätigkeit in Deutschland, der Schweiz, Belgien und Luxembourg.   

2017 SWR Ausstellung "FINDUNGEN UND FORMATE III" / Trier

2017 Jahresausstellung der EVBK/Prüm

2017 ART_MUC, München

2017 Biennale d'Art contemporain Luxembourg/Strassen

2017 Affordable Art Fair Brüssel

2016 Luxembourg Art Week

2016 Affordable Art Fair Hamburg

2016 Salon du LAC/Luxembourg

2016 Berliner-Liste

2016 "Haptikons" Indepedend Art Museum

2016 Kölner-Liste

2016 Kunstpreisträger „Independent Art Museum 2016“

2015 Internationales Skulpturen-Symposium „Mosel KM 193“

2015 Biennale d'Art contemporain Luxembourg/Strassen

Seit 2014, internationale Ausstellungsreihe „ruß´n´rost“ in Kooperation mit Bettina Reichert            

 

HAPTIKONS

Die Arbeit an meiner lyrisch abstrakten Werkreihe „Haptikons“ und "Sprünge" beginnt auf dem Schrottplatz mit seinen vielfältigen technischen Möglichkeiten. Der häufig mit Geschichte aufgeladene Rohstoff Stahl ist gebraucht aber nicht verbraucht. Auf der Suche nach Formen, Texturen und Flächen entstehen Arbeiten, die den Betrachter animieren anzufassen und zu begreifen. Dabei ist mir das Spannungsfeld zwischen dem schroff Abweisenden und dem scheinbar weich Einladenden des Materials wichtig.                      

 

                                                                                                                           

Andreas Hamacher was born in 1967 in Trier / Germany, where he also lives and works. The work on his lyrically abstract work serie  "HAPTIKONS" and "DEHISCES" begins at the scrap yards of the region of Trier with its varied technical possibilities.  The scrap yards are a sort of outdoor studio for the steel sculptor. In the course of this, the tension field between the ruggedly repelling and the clearly smooth welcoming of the material is essential to the sculptor. His work is animated through the dialogue between geometry and nature and invite the viewer to feel and explore – to understand – the textures of the material as well the circumscribed space within its own borders and beyond.


 

Dr. Gabriele Lohberg zu Arbeiten von Andreas Hamacher

 

Es ist schon lange eine immer wieder gern zitierte Wahrheit, dass Kunst und Arbeit mehr miteinander zu tun haben, als sich der Betrachter und Rezipient sich denken mag. Gerade wenn ein Künstler mit physisch schweren Materialien umgeht, wird deutlich, dass ohne physische Kraft und Energie eine Gestaltung des Ausgangsmaterials nicht möglich ist. Stahl ist ein besonders faszinierendes Material. Es zeichnet sich durch eine große Festigkeit und Zähigkeit aus – doch als Rohmaterial kann es unter Hitze gegossen und geschmiedet in nahezu jede Form gebracht werden. Daher ist es in der Industrie oder beim Bauen vielseitig einsetzbar als massenhaft gefertigte Röhren, Platten und Gitter oder in Einzelanfertigungen zum Beispiel für spezielle Maschinen.

Die physische und auch physikalische Arbeit, die der Bildhauer Andreas Hamacher leistet, ist beachtlich. Wie viel Kraft bedarf es, um Stahl bis zu 30 mm Stärke in die erdachte und gewünschte Form zu bringen? Wie viel Arbeit, um Stahl zu pressen, zu schneiden, auseinander zu ziehen, zu schleifen, zu erhitzen, zu bewegen? Auf diese Weise wird physikalisch messbare Energie z. B. durch Kompression, auf das Material übertragen.

Die Eigenschaft des Formbaren und der kraftvolle Ausdruck des energetisch aufgeladenen Materials, begeistert Künstler des 20. und 21. Jahrhunderts immer wieder aufs Neue.

 

 

Die sich verändernde, innere Energie lässt sich gemäß den Gesetzen der Thermodynamik sogar in eine Formel bringen, doch werden in den Werken von Andreas Hamacher diese kraftvollen Eigenschaften des Materials und des Herstellungsprozesses auch ohne sie sichtbar und vor allem spürbar. Der Künstler verwendet gern Stahl als Ausgangsmaterial, das ehemals für funktionale, meist industrielle Zusammenhänge gefertigt wurde. Diese vorgeformten Objekte findet er auf den Schrottplätzen von Trier und Luxemburg. Da dort jedes Teil nicht wegen seiner ursprünglichen Anwendung, sondern nur noch wegen seines Materialwerts lagert – um bald wieder eingeschmolzen und zu etwas anderem zu werden - verliert es seine Zweckbestimmung. Außerhalb jeden Funktionszusammenhang ist es für Andreas Hamacher das willkommene Ausgangsmaterial, um künstlerische Ideen plastisch umzusetzen.

Der Künstler bevorzugt je nach Werkphase Objekte, die - mal mehr mal weniger - von ihrer Geschichte, von ihrer ehemaligen Funktion, vom Gebrauch geprägt sind. Doch fordert der nach dem Finden einsetzenden kreativen Prozess zahlreiche Entscheidungen: Macht es Sinn, die Farbspuren in die Oberflächenbehandlung einzubeziehen? Wo werden die zum Teil sehr großen Elemente mit schweren Maschinen zerschnitten, gepresst? Wird die Oberfläche geschliffen – oder bleibt sie rau? Wie wird Innen und Außen sichtbar gemacht, wo treten haptische Reize auf – und wo bleibt das Werk mit einer Rostschicht überzogen? Andreas Hamacher sucht bewusst Metallobjekte aus, die Bezüge zu gegenständlichen oder figürlichen Formen erst gar nicht aufkommen lassen. Diese verarbeitet er dann in ähnlich gegenstandsunabhängiger Sichtweise weiter. Dabei lässt er sich vom Werkstück, vom Material inspirieren, doch sind die Arbeitsschritte zu vielfältig und mit so viel Aufwand, Kraft und Energie verbunden, dass ein planvolles Vorgehen unumgänglich ist, um die gewünschten Ergebnisse zu erreichen. So nimmt die Beschäftigung mit dem Modell eine Schlüsselposition ein zwischen der Idee und ihrer Vorstellung und Umsetzung in Stahl. Im Werk von Andreas Hamacher wird neben der Arbeit, der Tätigkeit auch ihr Gegenteil sichtbar: Ruhe, Inspiration, Muße, das Ergreifen einer überraschenden Chance, ein stimmiger Moment, kurz das, was als kreativer Prozess bezeichnet wird. In diesem Sinne beschreibt Platon „Arbeit“ sowohl als eine physisch-handwerkliche Tätigkeit, als „bewusste schöpferische Auseinandersetzung mit der Natur und der Gesellschaft“, als auch als die geistig-kontemplative Muße als Grundbedingung für schöpferische Arbeit.

Karl Marx bezeichnet im „Kapital“ die Tätigkeit des Menschen in laufenden Arbeitsprozessen als „lebendige Arbeit“, während er unter dem Begriff „vergegenständlichte Arbeit“ im weitesten Sinne alle Gebrauchswerte subsumiert. Indem der Mensch durch die Arbeit auf die Natur und die Umgebung außer ihm wirkt und sie verändert, verändert er zugleich seine eigne Natur. Nach Marx entwickelt er die in ihm schlummernden Möglichkeiten und unterwirft das Wechselspiel zwischen sich und dem Material seinen eignen Regeln (sinngemäß in: Das Kapital Band I; Fünftes Kapitel; Arbeitsprozess und Verwertungsprozess). In Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, kommt man an dem Gedankengut des Philosophen, Ökonom, Gesellschaftstheoretiker und Protagonisten der Arbeiterbewegung in diesem Kontext nicht vorbei.

 

 

Dem Künstler Andreas Hamacher gelingt es, aus dem Resultat einer ehemals fremdbestimmten Arbeit, ein Werk nach seinen Vorstellungen zu formen. In seinen Kunst-„Werken“ ist die ursprüngliche Verbindung von Kunst und „Arbeit“ auf verschiedenen Ebenen nachvollziehbar. Ein „Werk“ wie „Mittal“ nimmt direkt Bezug auf die metallverarbeitende Industrie in Luxemburg – unweit von Trier, wo Andreas Hamacher lebt und arbeitet. Er verankert seine künstlerische Position in die Tradition der Schwerindustrie im Saarland, Luxemburg und Belgien. Er nutzt die Möglichkeiten, die sich für ihn als Künstler dadurch ergeben und gleichzeitig formt er die industrielle Arbeit in eine kreative, individuelle selbstbestimmte Position um. 

Als Bildhauer beschäftigt er sich intensiv mit Grundfragen des Volumens, des Aufbrechens, der Durchblicke, der Vielansichtigkeit, der Oberfläche und Bewegung im Raum. Seit Henry Moore und Hans Arp sind die „Leerformen“, die Löcher und Öffnungen in einer skulpturalen Form von Bedeutung: „Sie brechen die Geschlossenheit des Gebildes auf und verleihen ihm ein gewisses Maß an Transparenz. Sie wirken als Blickfang und lenken die Aufmerksamkeit von der Oberfläche ab auf das Innere der Plastik“ (Rudolf Suter, Hans Arp Weltbild und Kunstauffassung im Spätwerk, Bern 2007, S. 420) Beim Umschreiten der Werke von Andreas Hamacher entstehen tatsächlich ständig neue, sich verändernde Ansichten. Doch ist nicht von allen Seiten das Hohlvolumen zu sehen, das sich im Innern der Röhren bildet. Der Standpunkt, von dem die Öffnung zu erkennen ist, ist auch derjenige, in der die optimale Offenlegung es Formgeschehens mit der maximalen Transparenz zusammenfallen. Die Lösungen, die der Künstler für die anspruchsvollen Perspektivwechsel findet, sind beeindruckend und überzeugend.

Der Behandlung der Oberflächen widmet Andreas Hamacher sich in ebensolcher Intensität: „Auf der Suche nach Formen, Texturen und Flächen entstehen Arbeiten, die den Betrachter animieren anzufassen und zu begreifen. Dabei ist mir das Spannungsfeld zwischen dem schroff Abweisenden und dem scheinbar weich Einladenden des Materials wichtig“. Dies trifft vor allem auf die Werkreihe der „Haptikons“ zu, die er 2013 entwickelte. Diese Skulpturen überzeugen durch ihre körperhaften Proportionen und fließende Formen, die sich besonders bei der Berührung intensiv und angenehm vermitteln. Dieser Eindruck wird von der Oberfläche unterstützt, die zwischen glänzend poliert und eingeschriebenen Gebrauchsspuren, changiert. Dabei steigern sich die elegant geschliffenen Stellen und die rauen Partien gegenseitig in der Wirkung.

Beim Blick auf die Geschichte der Kunst wird deutlich, dass Pablo Picasso und Julio Gonzáles als eine der ersten Künstler des 20. Jahrhunderts Materialen vom Schrottplatz für Skulpturen verwendeten. Sie haben aus Gebrauchsgegenständen, sogenannte „objets trouvés“ zusammengesetzt, um ihnen dann durch den Bronzeguss eine einheitliche Form zu geben. Bernhard Luginbühl und Jean Tinguely verwendeten um 1960 industriell gefertigte, ausrangierte Metallteile wie Stahlträger, Räder etc., und schweißten sie zu Kunstwerken zusammen.

Diese Arbeiten wurden als kreativer Umgang mit dem Industriematerial und als zeitgemäßer, künstlerischer Ausdruck des Maschinenzeitalters interpretiert.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass für Andreas Hamacher der Wiedererkennungseffekt, also wofür die gefundenen Objekte früher eingesetzt wurden, nicht wichtig ist. Im Gegenteil. Eine erkennbare Funktion würde von der Form, auf der es der Künstler ankommt, nur ablenken.

 

 

Die Skulpturen wurden durch die Bearbeitung nicht nur energetisch aufgeladen, sondern bekommen so ein Eigenleben. Sie sind weniger Produkte „vergegenständlichter“ Arbeit, sondern haben sich durch die kreative Umformung und Bearbeitung mit der Person des Künstlers verbunden. Sie sind zu unverwechselbaren Kunstwerken geworden, die auch durch ihren Ursprung und Verankerung in der metallverarbeitenden Großregion eine besondere Glaubwürdigkeit erhalten. Schwere Skulpturen aus Metall herzustellen hat selbstverständlich auch mit handwerklicher und maschineller Arbeit zu tun. Doch wenn das Schweißen, Schleifen, Polieren, Schneiden so gut beherrscht und eingesetzt wird, nimmt der Betrachter dieses Können als selbstverständlich (fast nicht) wahr. Er kann sich auf die Entwicklung der Skulptur im Raum und die haptischen Qualitäten der Oberflächen konzentrieren. Der Entwicklung der Formen im Raum wird eine Freiheit und Souveränität verliehen, die sich auch als autonome Stärke vermittelt.

Die Werke von Andreas Hamacher vermitteln eine Vielzahl von Eindrücken und Informationen, doch zeichnet sich jede Skulptur durch einen eigenen Charakter, eine eigene Aussage aus. Es bedarf nicht unbedingt großer Formate, um die Aufmerksamkeit des Betrachters zu erwecken. Vielmehr ist es die starke Präsenz im Raum, die die Skulpturen von Andreas Hamacher unübersehbar machen. Die energetische Ausstrahlung vermittelt sich dem Betrachter unmittelbar; sie fordert und schärft seine Wahrnehmung und verleitet zum haptischen Erleben, zum Anfassen.


Alexandra Orth zur Ausstellung "Haptikons" von Andreas Hamacher

 

Ende der 60er-Jahre, auf dem Höhepunkt der Minimal Art, nahm sich ein Unterhaltungskünstler dem Diskurs um Materialgerechtigkeit auf eigene Weise an. Uri Geller sorgte in deutschen Fernseh-Shows für Furore: Kraft seiner Gedanken konnte er Löffel aus Metall verbiegen. Seine mentalen Kräfte reichten so weit, dass sich selbst das Besteck der Zuschauer, die an den Couchtischen vor den heimischen Fernsehgeräten gebannt ihr Abendbrot zu sich nahmen, unter dem unsichtbaren Kraftfeld krümmte.

Bis heute ist dieses Phänomen ebenso rätselhaft wie faszinierend. Dabei ist es weniger der Trick, von dem der Zauber ausgeht. Vielmehr liegt er in der Erweckung eines tief verwurzelten Mythos von verborgenen, unentdeckten Kräften, die sowohl im Mensch, als auch im Material schlummern; die das tradierte Wissen in Frage stellen, die Gesetze der Physik außer Kraft setzen und die Logik an ihre Grenzen führen. Uri Gellers Zauberkunststück wurde zu einer philosophischen Haltung, die über die gestalterische Kraft der menschlichen Vorstellung sinnieren ließ. Kurz: Wenn man Metalllöffel mit bloßer Willensstärke verbiegen kann, ist so ziemlich alles möglich.

 

Eine vergleichbare Wirkung geht von den Arbeiten Andreas Hamachers aus.

Kraft der Imagination, die ihm als Künstler zufällt, vollzieht er in seinen Stahlskulpturen eine ähnlich verblüffende Transformation. Das harte, unnachgiebige Metall wird unter seinen Händen auf geradezu spielerische Weise gebogen, gefaltet und gedrückt. Aus industriellem Stahlschrott, der ihm als Ausgangsmaterial seiner Arbeiten dient, schafft er schwerelose, amorphe Objekte, deren Magie in einem erstaunlichen Gegensatz von Materialität, Formsprache und Machart liegt. Mit ihren weich fließenden Rundungen und samtigen Oberflächen überraschen seine Skulpturen durch eine Anmutung, die man dem massiven, starren, scharfkantigen Werkstoff nicht zutraut.

 

Stahl ist geradezu eine Metapher für Stärke. Als Baumaterial garantiert es Dauerhaftigkeit, Stabilität und Widerstandsfähigkeit. Selbst auf dem Schrottplatz, wo Andreas Hamacher das Rohmaterial für seine Arbeiten findet, sind diese Eigenschaften ungebrochen. Mit maschineller Gewalt schneidet und reißt er aus den monumentalen Schrottbergen architektonischer Trümmer und schwerindustriellen Sondermülls passende Stücke für seine Arbeiten. Dass die Werkzeuge für diesen bildhauerischen Akt Bagger, Krane, Schneidbrenner, Metallpressen und Hammerwerke sind, sieht man seinen mitunter zerbrechlich wirkenden Objekten nicht an. 500 Tonnen beträgt der punktuelle Druck, den es braucht, um dem Stahl seine neue Form zu geben.

 

Bei seiner Serie Haptikon, die Andreas Hamacher seit 2013 verfolgt, hat er sich auf ausrangierte Stahlrohre als Ausgangspunkt seiner Arbeiten spezialisiert. Unter großer körperlicher Anstrengung und mit ungeheurem maschinellen Aufwand zerlegt er die meterlangen Leitungssysteme, die er auf der Halde auftreibt. Er presst und schweißt die Röhren zusammen, schneidet sie auf, biegt sie auseinander, klappt sie auf oder stülpt sie um. Die Eingriffe, mit denen er sich an den vorgefundenen Industrieformen abarbeitet, materialisieren sich als eindrucksvolle Geometrien aus Schnittkanten, Falten, Kontraktionen und Wölbungen. Die normierten Stahlzylinder entfalten sich zu komplexen Volumina, deren Inneres und Äußeres sich in einem formalen wie gedanklichen Twist zu vielansichtigen Achsen verbinden. Die Idee der Skulptur als Gestaltung von Raum kommt hier in reinster Form zum Ausdruck.

 

Die virtuose Formsprache täuscht leicht über den Entstehungskontext der Arbeiten hinweg. Die kalkulierten Unregelmäßigkeiten in Formgebung und Oberfläche suggerieren etwas Händisches – als ob Andreas Hamacher das schwere Metall mit bloßer Hand modelliert hätte. Man ist verlockt, sich dessen zu vergewissern. Haptikon bedeutet Tastbild und fordert zu einer taktilen Erfahrung der Werke auf. Das Überprüfen der Festigkeit, das Abfahren der Schnittkanten, die sich durch die Rundungen des dichten Materials gegraben haben, das Nachspüren der Kerben und Strukturen, die das Vorleben des Stahls in der blank polierten Oberfläche hinterlassen hat, sind nicht nur ein ästhetisches Erlebnis. Wie bei einem Stein, der vom Wasser geschliffen wurde, machen diese Spuren erst die Energien greifbar, die für den gestalterischen Akt aufgebracht wurden. Die skulpturale Dimension, die Beschaffenheit des Stahls und die Dichotomie von Technik und Ausdruck teilen sich über die Berührung in ihrer authentischsten Weise mit.

Andreas Hamacher gibt dem Betrachter damit die Sinne des Bildhauers an die Hand. Er lässt ihn die Kraft seiner künstlerischen Idee spüren, unter der sich wie von Zauberhand Material in ein Kunst-Objekt verwandelt.  

Alexandra Orth, Kunsthistorikerin


Beobachtungen von Dr. Klaus Reeh 

einer Ausstellung der éditions trèves mit Arbeiten von Andreas Hamacher zu “Upcycling, Konsum, Ressourcen“.

Kunst, und das sage ich einmal vorab ganz apodiktisch, ist dann gut, wenn sie Anschlsskommunikation ermöglicht.

Und da ich die Ausstellung schon kannte und so feststellen konnte, dass sie meinen Test mit Bravour bestanden hat, glaube ich sagen zu können, dass die hier gezeigte Kunst jede Menge Anschlusskommunikation ermöglicht.

Selbstgespräche, das sei erwähnt, gehören zweifellos auch zur Anschlusskommunikation. Und für mich kann ich sagen, dass ich seit gestern Nachmittag zwar nicht nur, aber doch recht intensiv mit mir über die Ausstellung gesprochen habe. Denn da gibt es durchaus Dinge die man wissen möchte, vielleicht auch wissen sollte, bevor man sich ans Betrachten, ans Rezipieren macht.

 

Zuerst also, was sie wissen sollten, vielleicht auch wissen möchten.

Nicht nur die Kunstwerke, sondern auch die künstlerischen Schaffensprozesse als solches sind sehr wichtig, das Wissen um die Prozesse lässt uns die Kunstwerke oft mit anderen Augen sehen, so auch die Arbeiten von Andreas Hamacher.

Es ist klar, dass im Prozess gewaltige Kräfte mobilisiert werden, dass bei ihm mit maschineller Kraft gepresst und geschnitten wird, dass mit menschlicher Kraft, vielleicht auch maschinell unterstützt poliert und patiniert wird,

auch das können wir uns denken.

Die materiellen Beschränkungen sind wichtig.

Sie ist eigentlich sogar ein zentraler Teil seines künstlerischen Anliegens: der Untertitel der Ausstellung lässt dies anklingen.

Und trotzdem, Schrott ist nicht gleich Schrott und Stahl nicht gleich Stahl, also arbeitet er mit unterschiedlichem Material, muss sich entscheiden, muss auswählen.

Deshalb ist auch die Materialbeschaffung wichtig.

Andreas Hamacher hat seine Schrotthändler, die ihm sogar erlauben, den Schrottplatz samt dessen Scheren und Pressen als eine Art Freiluftatelier zu nutzen.

In gewissem Sinne ist Andreas Hamacher in seiner Arbeit den Steinbildhauern ähnlich, die mit Spolien arbeiten, denn beide schaffen Kunstwerke, die das „früherer Leben“ des Materials nicht unkenntlich machen, sondern als Gestaltungselement nutzen.

In gewissem Sinn verlängert er damit das „früherer Leben“ seines Materials.

Das Experiment, die ungewöhnliche Bearbeitung ist wichtig.

Das Öffnen und Verschließen, das Verbiegen und Schneiden, das Zusammenwirken von oft gegensätzlichen Bearbeitungen, und manchmal auch das geduldige Warten auf den Einfall bei einem vielversprechenden schon vorgeformten Gegenstand.

In diesem Kontext noch eine kleine Fußnote.

Andreas Hamacher ist kein Stahlplastiker (die üblicherweise etwas hinzufügen) sondern gehört der raren Spezies der Stahlskulpteure an (die eher etwas wegnehmen, in ihrem Material etwas zum Vorschein bringen)

Und abschließend erwarten viele eine Antwort auf eine Frage, die sie sich stellen:

was will der Künstler uns sagen.

Es ist dies eine Frage, die oft gestellt und noch öfter zu jeder Gelegenheit beantwortet wird. Von mir nicht; ich habe nicht die Absicht irgendetwas in die hier gezeigten Arbeiten hinein zu heimsen. Seine Materialwahl könnte einen auf die ein oder andere Idee bringen, auch ihre Bearbeitungsprozesse, aber ... das überlasse ich doch lieber ihm selbst.

Denn am Ende hat er uns mit seinen Arbeiten das gesagt, was wir glauben verstanden zu haben und wenn wir, die Betrachter, hinreichend ähnliches glauben verstanden zu haben, dann kann das möglicherweise dem recht nahe kommen, was er uns hat sagen wollen, ... oder sind alle einem großen Irrtum aufgesessen.

 

Nun also worauf sie achten sollten!

Ganz nah ran gehen, auch ganz weit weg gehen,

ersteres kann überraschende Eindrücke vermitteln, denn dann wird klar, dass es sich in gewissem Sinne um mehrdimensional wahrnehmbare Arbeiten handelt, nicht nur im Hinblick auf die taktile Wahrnehmung, den viele der Arbeiten können, -nein-, sie wollen geradezu angefasst werden.

Bei zeitgenössischer Skulptur und Plastik liefert jeder Perspektivwechsel einen neuen Eindruck, je vielfältiger, desto besser, so auch hier bei Andreas Hamacher.

  Damit schließe ich meine Beobachtungen und würde mich freuen, wenn wir uns mit Andreas Hamacher über unsere Beobachtungen  

austauschen, ihm aber auch die noch offenen Fragen stellen, auch wenn sie am Ende offen bleiben, bleiben müssen,

sogar bleiben sollten.

 

 

 


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Katalog: Andreas Hamacher "Haptikons", eine Publikation im Rahmen des IAM Kunstpreises 2016 (Independent Art Museum)
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